Leserfrage: Ich bin Feministin – darf ich trotzdem devote Fantasien haben und mich unterwerfen wollen?

Liebes Dr. Kinky Team,

ich habe Politikwissenschaft studiert, engagiere mich aktiv in feministischen Gruppen und sehe mich selbst als überzeugte Feministin. Ich kämpfe für Gleichberechtigung, Bodyshaming-Freiheit, Selbstbestimmung und gegen patriarchale Strukturen – das ist ein wichtiger Teil meiner Identität.

devote schlampe sein 2Gleichzeitig habe ich seit Jahren sehr intensive devote sexuelle Fantasien. Ich errege mich extrem daran, mich einem Mann (oder manchmal mehreren Männern) sexuell komplett hinzugeben, hart „benutzt“ zu werden, als „Schlampe“ oder „devotes Sexluder“ beschimpft zu werden und das Gefühl zu haben, keine Kontrolle zu haben. Ich gehe regelmäßig in Swinger- und BDSM-Clubs zu Partys mit starkem Männerüberschuss, lasse mich dort von Fremden nehmen, oral und vaginal benutzen, manchmal auch von mehreren gleichzeitig – und es ist für mich der intensivste, befreiendste Sex, den ich kenne.

Aber danach kommt immer die große Scham. Ich frage mich: Wie passt das zu meinem Feminismus? Darf ich als Feministin überhaupt solche Fantasien haben und sie ausleben? Indem ich mich freiwillig „unterwerfe“ und es genieße, als Objekt behandelt zu werden, verrate ich dann nicht alles, wofür ich sonst stehe? Fördere ich nicht genau die patriarchalen Strukturen, gegen die ich ankämpfe? Manchmal fühle ich mich wie eine Heuchlerin: Tagsüber poste ich über Consent und Empowerment, nachts lasse ich mich bereitwillig demütigen und benutzen.

Ich weiß rational, dass Consent alles ist und dass meine Fantasien niemanden schaden – ich wähle das ja selbst und genieße es. Aber emotional nagen diese Zweifel stark an mir. Ich schäme mich vor mir selbst und habe Angst, dass andere Feministinnen mich verurteilen würden, wenn sie davon wüssten.

Wie kann ich meine feministischen Werte mit meinem Bedürfnis nach devoter, teilweise demütigender Sexualität vereinbaren? Ist das überhaupt möglich, oder muss ich eine Seite von mir aufgeben?

Vielen Dank für eine ehrliche und verständnisvolle Antwort – ich traue mich nicht, das in meinem realen Umfeld anzusprechen.

Herzliche Grüße

 

Antwort vom Dr. Kinky Team 

Ich bin Feministin – darf ich trotzdem devote Fantasien haben und mich unterwerfen wollen?

Liebe zerrissene Feministin,

vielen Dank für Deinen offenen und sehr mutigen Brief. Du sprichst ein Thema an, das unglaublich viele Frauen beschäftigt – besonders die, die sich politisch und gesellschaftlich als Feministinnen verstehen und gleichzeitig intensive devote, teils degradierende sexuelle Fantasien haben. Du bist damit keineswegs allein, und das Allerwichtigste gleich vorweg: Ja, Du darfst das. Deine Fantasien widersprechen Deinem Feminismus nicht – im Gegenteil, sie können sogar ein Ausdruck Deiner feministischen Selbstbestimmung sein.

1. Feminismus und sexuelle Selbstbestimmung gehören zusammen

Der Kern des modernen Feminismus (besonders der dritten und vierten Welle sowie des Sex-positiven Feminismus) ist die autonome Entscheidungsfreiheit der Frau über ihren eigenen Körper und ihre Sexualität. Das bedeutet: Eine Frau darf Sex haben, wie sie will – vanilla, dominant, devot, hart, sanft, mit einem Partner oder mit mehreren. Solange alles einvernehmlich, sicher und von Dir gewollt ist, verstößt Du gegen keinerlei feministische Prinzipien.

Der Gedanke, dass devote oder „schlampige“ Fantasien „patriarchal“ seien, kommt oft aus einer missverstandenen zweiten Welle des Feminismus, in der Sexualität manchmal stark reglementiert wurde („guter Sex ist nur gleichberechtigt und zärtlich“). Heutige Feministinnen wie Jessica Valenti, Roxane Gay oder die Sex-positive-Bewegung (z. B. „Come as You Are“ von Emily Nagoski) sagen klar: Fantasie ist nicht Realität. Du kannst tagsüber gegen das Patriarchat kämpfen und nachts Fantasien haben, in denen Du Dich genau diesen Strukturen (kontrolliert und freiwillig) hingibst – das ist kein Verrat, sondern ein Akt der Souveränität.

devote schlampe sein 12. Warum gerade devote und degradierende Fantasien so mächtig sein können

Viele Frauen mit starkem Alltags-Selbstbewusstsein (wie Du mit Deinem Engagement) erleben devote oder „Slut“-Fantasien als Befreiung. Tagsüber trägst Du Verantwortung, triffst Entscheidungen, kämpfst. Im sexuellen Kontext abzugeben, „benutzt“ zu werden, die Kontrolle loszulassen und sich als „Schlampe“ zu fühlen, kann ein intensiver Kontrast sein – ein Ventil, eine Art Urlaubsmodus für das Gehirn. Es ist vergleichbar mit Achterbahnfahren: Du lässt Dich freiwillig in Gefahr bringen, weil Du weißt, dass es sicher ist und Du jederzeit stoppen kannst.

Das Gefühl, von mehreren Männern gleichzeitig begehrt und benutzt zu werden, kann auch ein Ausdruck von sexueller Macht sein: Du bist das Zentrum, Du bestimmst (durch Deine Anwesenheit und Deine Grenzen), wer Dich berühren darf. Du bist nicht das passive Objekt – Du bist diejenige, die diese Szene ermöglicht und steuert.

3. Scham überwinden – Du verrätst niemanden

Die Scham kommt meist daher, dass wir gelernt haben, dass „gute“ Feministinnen „brav“ und „stark“ sein müssen – auch im Bett. Aber echte Stärke zeigt sich darin, dass Du Deine Wünsche kennst und sie auslebst, ohne Dich zu verbiegen.

Hilfreiche Gedanken:

  • Fantasie ≠ Politik: Was Dich im Bett erregt, muss nicht Deine politische Haltung widerspiegeln. Millionen Feministinnen haben devote, Gangbang- oder Demütigungs-Fantasien – und kämpfen trotzdem für Gleichberechtigung.
  • Consent ist der Schlüssel: Du wählst das aktiv, Du setzt Grenzen, Du hast Safewords oder klare Regeln in den Clubs. Das ist das Gegenteil von patriarchalischer Unterdrückung – das ist pure Selbstbestimmung.
  • Du schädigst niemanden: Deine Fantasien und Partys finden in einvernehmlichen Räumen statt. Die Männer, die Dich „benutzen“, tun es, weil Du es willst – nicht umgekehrt.

4. Praktische Tipps für ein besseres Gefühl

  • Lies Sex-positive Feministinnen: Bücher wie „The Ethical Slut“ (Dossie Easton & Janet Hardy), „Slut!“ von Roxane Gay oder „Come as You Are“ von Emily Nagoski zeigen, wie Frauen ihre „schlampige“ oder devote Seite stolz leben und trotzdem Feministin sein können.
  • Sprich mit anderen Frauen: In unserer Online-Community oder auf FetLife/Joyclub gibt es Gruppen wie „Feminist Subs“, „Sex-positive Feminism“ oder „Devote Frauen“. Dort erzählen viele genau von Deinem Konflikt – und wie sie ihn gelöst haben.
  • Reframing: Nach einer Party schreibe Dir auf: „Ich habe das gewollt. Ich habe es genossen. Ich bin stark, weil ich meine Wünsche lebe.“
  • Integration: Manche Frauen trennen bewusst: Tagsüber Aktivistin, nachts devotes Luder. Andere integrieren es: „Meine Hingabe ist meine Entscheidung – und damit feministisch.“
  • Aftercare für Dich selbst: Nach intensiven Partys brauchst Du auch Pflege – ein Bad, ein gutes Buch, Selbstlob. Das reduziert die Scham.

5. Du musst nichts aufgeben

Du musst weder Deinen Feminismus noch Deine Sexualität aufgeben. Beides kann nebeneinander existieren und sich sogar bereichern. Viele Frauen berichten, dass sie durch das selbstbewusste Ausleben ihrer devoten Seite noch stärker und selbstsicherer im Alltag geworden sind – weil sie wissen: „Ich bestimme über meinen Körper, immer.“

Fazit: Du bist eine starke, authentische Feministin – genau so, wie Du bist

Liebe Feministin, Deine Fantasien machen Dich nicht zur Heuchlerin – sie machen Dich zu einer Frau, die ihre Sexualität in voller Bandbreite lebt. Das ist Feminismus in Reinform: Die Freiheit, Ja zu sagen zu dem, was Dich erfüllt.

Genieße Deine Partys, Deine Hingabe, Dein „Schlampen-Gefühl“ – ohne Schuld. Du hast es Dir verdient.

Du bist wunderbar – in jeder Facette.

Herzliche Umarmung

Das Dr. Kinky Team